Freitag, 7. Januar 2011

Erzwingt die Erfindung "Internet" eine Demokratie 2.0?

Erster Textentwurf für den zweiten Abschnitt der Einleitung. Thema des Abschnitts: Die mögliche Veränderung der westlichen Demokratie. Quellen und Zitate werde Schritt für Schritt ergänzt. Solltest Du Ergänzungen, Kritik, Quellen oder ähnliches haben, poste sie einfach in die Kommentare. Vielen danke! 

Wie im vorangegangen Beitrag dargestellt, hat es die gute alte repräsentative Demokratie nicht leicht. So fordern immer mehr Menschen Anhörung, Mitsprache, Beteiligung, ohne sich den klassischen Parteiregularien und ihrer hierarchischen Hackordnungen unterwerfen zu wollen.

Meine These ist, dass das Aufbegehren des "Wutbürgers" bei Stuttgart 21, Atomausstieg oder Zensursula kein Zufall ist, sondern einer logischen (Weiter-)Entwicklung folgt. Demnach stellt die Massenverbreitung des freien Kommunikations- und Interaktionsraums "Internet" aufgrund ganz spezifischer neuer Eigenschaften (welche die alten Medien nicht hatten) einen Fortschritt der Informationstechnologie dar, welcher in seiner gesellschaftlichen Bedeutung in etwa mit der Erfindung der Schrift oder der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist.

Beide Erfindungen hatten enorme gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht. Eine solche weitreichende gesellschaftliche Veränderung - konkret eine Weiterentwicklung der repräsentativen Demokratie zu einer echten "Mitmach-Demokratie 2.0" - könnte auch jetzt die Folge sein.


Zunächst jedoch ein Blick zurück. Ich möchte an dieser stelle eine gewagte Parallelentwicklung von Informationstechnologien und Gesellschaftsorganisationen entwickeln. Demnach ist die Entwicklung der Menschenheit keine Geschichte der Klasenkämpfe (Marx), sondern eine Geschichte der Informationstechnolgien. Allerdings ohne Imperativ, also nicht in dem Sinne, dass eine gewisse Technologie zwingend eine gewisse Organisation zur Folge hat. Eher in dem Sinn, dass neue Informationstechnologien die Voraussetzungen für weitreichende Veränderungen schufen (die manchmal erst sehr spät folgten).

Beispiele: 
  1. Erfindung der Schrift und des Papiers (u.a.) in Ägypten und China ermöglichte erstmals Herrschaft über große Reiche. Schrift machen Aufzeichnungen möglich. Mit ihr entwickelte sich das Beamtentum und die Möglichkeit zur langfristige Planungen (z.B. Pyramiden oder Kornspeicher).
  2. Das römische Reich ist u.a. deshalb zerbrochen, weil es zu groß wurde und die Informationstechnologie der damaligen Zeit nicht mehr ausreichten, um schnell genug Informationen durch das Reich zu schicken. Zu viele Kriege an zu vielen Enden des Reiches. Außerdem: Mit der zunehmenden Größe bei gleichzeitigem Mangel von IT kam es fast "natürlich" zur Herausbildung eines Kaisertums und einer Entmachtung des (sowieso kaum demokratisch zu nennenden) Senats. 
  3. Am demokratischsten konnten hingegen die überschaubaren Stadtstaaten Griechenlands sein. Hier stand die Übermittlung von Informationen (d.h. auch die Möglichkeit zur politischen Debatte) in einem ausgewogenen Maß zur Größe des (selbstverwalteten) Gebiets. (Dies bedeutete nicht automatisch, dass "alle" Stadtstadten "immer" demokratisch regiert wurden, aber es gab zumindest die Möglichkeit.)
  4. Die katholischen Kirche hielt ihre Macht Jahrhunderte lang durch ein (Quasi-) Wissensmonopol aufrecht, dass von tausenden Mönchen geschaffen wurde, die sich in endlosen Abschriften der Bibeln und anderer Werke vertieften. Die katholische Kirche erhielt durch ihr Wissensmonopol auch eine Art Wahrheitsmonopol, welches ihr große Macht verlieh. Dieses versuchte sie aus guten Grund auch nach Erfindung des Buchdrucks noch blutig zu verteidigen.  
  5. Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten Informationen durch Flugzettel und Büchern viel schneller und effizienter verbreitet werden. Die Möchne und mit ihnen die Kirchen waren ihres Monopols beraubt. Es kam die Phase der Aufklärung. Und damit verbunden eine massive Schwächung der alten Übermacht der katholischen Kirche durch die Reformation (die keineswegs nur religiös oder aufklärerisch begründet war. Luther wurde von den Bauern missverstanden etc.).
  6. In den USA entsteht die erste Verfassung überhaupt. Die Demokratie der jungen USA nutzt bald die Technologie des Telegrafenmastes und der Eisenbahn, um Informationen schneller durchs Land zu transportieren. Wäre im Flächenstaat USA eine Demokratie überhaupt ohne IT möglich? Oder wäre es der USA wie den Römern ergangen?
  7. Schnell entstanden Zeitungen und der Anteil derjenigen, die "lesen konnten" wuchs. Druckmaschinen wurden effizienter. Dies lies das aufgeklärtes Bürgertum wachsen und führte in die Druckmaschinen Revolution, wenig später auch die deutsche 48iger Revolution und die ersten Versuche in großen Nationalstaaten "Republiken" bzw. Frühformen der "Demokratien" zu errichten. Die Philosoph Jean-Jacques Rousseau wagte es von einem Volonté générale zu träumen. Heute ermittele Emnit ihn jeden Tag. 
  8. Nur mit Hilfe strengster Vor-Zensur der Zeitungen und Bücher können Monarchie und Adel ihre Herrschaft im "Deutschen Bund" gegen die Demokraten unter Kontrolle halten.
  9. Mit der Einführung der Schulpflicht in Preußen und im restlichen Europa wuchs der Anteil der Gebildeten auch in der Arbeiterschicht. Gedruckte Informationen erreichten zunehmend auch Arbeiter. In der Folge formierte sich die Arbeiterklasse (Kommunisten & Sozialdemokraten) und gewinnen in Deutschland an Einfluss. 
  10. Mit dem ersten Weltkrieg begräbt sich das alte Kaiserreich selbst. Am Ende entsteht mit der Waimarer Republik die erste Demokratie. Eine freie Presse erblüht für eine kurze Zeit.
  11. Hitler schließlich monopolisiert die vielfälige Informationslandschaft der Republik und nutzt Zeitungen, das Radio (Volksempfänger) und sowie den frühen Film / Kino geschickt für seine Propaganda. Mit Hilfe des Telefons kann er das gesamte Reich aus seinem Bunker in Berlin regieren, ohne an der/n Front(en) zu sein.
  12. Nach dem zweiten Weltkrieg entstehen Fernsehen, Videotechnologien, zahlreiche Formen von Print- und Audiomedien und bauen so das Medienspektrum aus. Der Einfluss ist derart stark, dass wir bald von einer "Medien-Demokratie" sprechen. Simone Christiansen, die BILD-Zeitung, ARD Monitor, DER SPIEGEL, Deutschlandfunk, Tagesschau. Nur einige der Schauplätze heutiger demokratischer Machtkämpfe.  
Und dann; In den späten 90igern bringt AOL "das Internet" für die Massen 

Wiederholt sich mit der Massenverbreitung des Internets die Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks? Oder ist es nur "ein weiteres Medium"?

Es scheint mir sinnvoll hier von einem neuem Entwicklungsschritt auszugehen. Denn das Internet (in seiner zurzeit noch "freien" und "unzensierten" Form) bringt eine ganze Reihe entscheidender Veränderung mit sich, die dieses Medium fundamental von allen vorhergehenden unterscheidet:

[Leser, die sich als Digital Native verstehen und die Vorteile des Internets gegenüber dem klassischen Medien kennen, können diesen Teil bis "Folgen" überspringen]

Aufhebung von Informationsmonopolen:
  • Die alten Informations-Monopole verschwinden (Besitz von teuren Druckmaschinen, Fernsehstationen, exklusive Radiofrequenzen, exklusive Vertriebsrechte über TV-Kabel und -Satelliten, komplexe Vertriebsstrukturen über Verlage, Musiklabels, uvm.).
  • Die Kosten für die Informationsverbreitung (z.B. via Blogs & Twitter) sinken auf fast null.
  • In der Folge kann aus dem passiven Konsumenten, jederzeit ein aktiver Teilnehmer oder Produzent werden. Die Grenzen zwischen Blogger und Zeitungsredakteur, zwischen Podcaster und Radio- bzw. TV-Produzent, kurz zwischen Amateur und Profi verwischen zunehmend.

Kritische Leser & die Überprüfbarkeit der Quellen:

  • Der Link: So banal es sich anhört, der schnelle Klick auf einen Link, ermöglicht die eigene Überprüfung von Quellen & Originaldokumenten. Für Blogs ist es bereits eine Selbstverständlichkeit Ihre Quellen zu verlinken. Klassische Medien wie Spiegel Online u.ä. tun sich damit noch schwer damit und verweisen (noch?) auf ihre (gute?) Reputation bzw. sehen sich selbst als vertrauenswürdige Quelle, die nicht hinterfragt werden muss.

    Und das spannende ist, dass nicht "jeder" Leser "jede" Quelle prüfen muss, da auch hier der Crowd-Effekt einsetzt. Je wichtiger eine Nachricht ist, desto mehr Leser zieht die Nachricht sich auf sich. Gleichzeitig wächst dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass einer der tausenden Leser die Quelle überprüft und in den Kommentaren ggf. auf Fehler hinweist.
  • Keine Kapazitätsbegrenzung: Hatten Radio & TV noch eine Sendezeitbegrenzung auf 24h täglich und Zeitungen eine Begrenzung auf eine gewisse Blätteranzahl, gibt es im Web keine natürliche oder sinnvolle Begrenzung mehr. Entsprechend können "sämtliche" Informationen, auch 400 Seitige PDF Dokumente oder umfangreiche Informationen, die bislang nur wenigen Experten vorlagen, veröffentlicht werden. Technisch gibt es kein Hindernis mehr, dass jedem Bürger - genauso wie jedem Bundestagsabgeordnetem - sämtliche Informationen zugänglich gemacht werden.

Schwarmintelligenz:
  • Many to Many" Kommunikation: Stand im alten Mediensystem eine "One to many" Kommunikation im Vordergrund, funktioniert im Internet die "Many to Many" Kommunikation am besten. Die größten Webunternehmen nutzen diesen Effekt: Google Suche, Facebook, Twitter, Ebay, Flickr, YouTube, Blogger, und viele mehr. Daraus entsteht auch die "Sharing Kultur" des Internets, die oft fälschlicherweise als "Kostenloskultur" bezeichnet wird. Wikipedia, die Welt der Creative Commons, Blogs, Napster aber auch Community-Projekte wie "Der Freitag" uvm. sind ein Ausdruck davon.
      
  • Wisdom of the crowd: Dabei geht es jedoch nicht nur um Kommunikation, sondern auch um Produktion, Konsum und Entscheidungen. Das Internet ermöglicht, durch seine Fähigkeit gigantische Mengen an Informationen, endloser Teilnehmer mit unglaublichen Umfang mühelos zu transportieren, dass sich häufig Mechanismen durchsetzen, die auf das Konzept "von unten nach oben" setzen:

    Google bewertet etwa anhand der Anzahl der Links die auf eine bestimmte Website verweisen, ob sie relevant ist. Mit Hilfe intensiver Nutzerauswertung kann Google auch Rechtschreibung verbessern, Werbespam identifizieren, Texte in verschiedene Sprachen übersetzen und menschliche Sprache analysieren. Amazon setzt auf Nutzerbewertungen und Kunden-Empfehlungen, DIGG, Twitter und Facebook sind spielerische Pear-to-Pear Reviewplattform für Nachrichten und Produkte. Interessante Nachrichten und Produkte werden häufiger empfohlen und landen schließlich auf der Startseite.

    Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der "Wisdom of the crowd", "Schwarmintelligenz" oder dem "Pear to Pear-Effekt". Diesen Effekts bedienen sich inzwischen auch Spendensammel-, Kredit-, Startup-, und Crowdfunding-Webseiten für Branchen aller Art. In der Anfangszeit sprach man auch von einem "Web 2.0" oder "Mitmach-Web".
  • Die Unterschätzung der Masse: Eine Journalistin fragte den Gründer von Wikipedia wer denn all die Menschen seien, die die Wikipedia schreiben und woher sie bloß die Zeit hätten. Dieser schaute verdutzt zurück und erklärte, dass sie das wohl am besten wissen müsste. Denn in den USA werden im Fernsehprogramm an jedem Wochenende mehr Werbezeit ausgestahlt wird, als bis dato Arbeitsstunden in die Wikipedia geflossen seien. Kurzum: Sollten sich die Amerikaner eines Tages mal vom Fernseher ab- und sich dem Internet zuwenden, wären zehntausende Projekte möglich, die dem Umfang der Wikipedia entsprechen.

    Gleichzeitig ist wichtig zu wissen, dass nur jeder tausende Wikipedia-Leser eine Veränderung am Artikel vornimmt. Ähnliches gilt für andere Interaktionsformen, wie Kommentare oder Bewertungen. Angebote funktionieren auch dann noch in hohem Maße zufriedenstellend, wenn sich nur ein kleiner Prozentteil der Nutzer sich beteiligt. Man spricht in diesem Fall auch vom "Long Tail-Effekt". 
Das Internet ist schnell und ewig zugleich:
  • Das Internet ist "instant" und "live". Damit hat sich die Geschwindigkeit von Informationsverbreitung aber auch die Ungeduld bezüglich einer Reaktion dramatisch erhöht.

  • Gleichzeitig verschwinden Informationen nicht mehr. Anders als in der Zeit der Zeitungen, die einen Tag später vergriffen sind (maximal noch über wenige Bibliotheken verfügbar waren), bleiben Blog-Artikel & Webseiten in der Regel erhalten. Die Archive des Weltwissens wachsen dramatisch an. Und die Öffnung der Archive des (alten) Weltwissens (Google Books als Beispiel) beginnt gerade erst.

  • In der Folge kann "jeder" zum Experten für bestimmte Themenbereiche werden. Eindrucksvoll demonstrierten haben dies die Gegner von Stuttgart 21, die beeindruckendes Wissen über Bahnpläne, Betriebsabläufe,Gleisplanungen und vieles mehr vorwiesen.

  • Experten-Austausch: Ebenfalls wichtig ist, dass es gerade im "Long Tail" für spezialisierte Gruppen einfacher wird, Informationen auszutauschen. Etwa Bürger, die sich mit der Frage einer Normierung der Tiefe von Entwässerungsgräben beschäftigen möchten (nur als Beispiel). Hatte es eine Gruppe in der Vergangenheit extrem schwer sich über dieses Thema in den klassischen Medien auszutauschen, ist es nun möglich dies auf eigenen Seiten völlig ungestört vom Mainstream zu tun. Neu ist dabei auch, dass auch Dritten extrem schnell möglich ist diese Experten-Debatten über eine Google Abfrage zu finden und nachzuvollziehen.

    Bekanntestes Beispiel ist erneut Stuttgart 21. Die Gegner des Projekts hatten sich zunächst über Jahr - ignoriert von den Massenmedien - auf Blogs und in Webgruppen informiert und ausgetauscht.
Die Schwierigkeit der Zensur
  • Die Dezentralität des Internets ermöglicht Informationen aus anderen Ländern zu erhalten und erschwert Nationalstaaten Zensurmaßnahmen durchzusetzen. Zwar gibt es bereits einige Informationsinseln wie China, Iran oder Taiwan, die europäischen Staaten und die USA haben sich bisher jedoch mit politischer Zensur zurückgehalten. (Was jedoch eher an der technischen Schwierigkeit, nicht am politischen Willen lag.)

    Dieses Versagen der nationalen Zensur eröffnet eine Informationsfreiheit wie sie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit herrschte. (Wikileaks und Cencilia zeigen, dass diese Freiheit nicht bleiben muss.)  
Diskussion transparenter, Organisationskosten sinken
  • Diskussionen im Web (egal ob als Chat, Mailingliste, Skype-Videotelefon-Konferenz, Wikipedia-Streit oder Kommentar- bzw. Forumdiskussion) sind schnell, einfach, transparent, (dauerhaft) nachvollziehbar und skalierbar, wie keine Diskussion-Technologie jemals in der Geschichte zuvor (deshalb jedoch nicht zwingend "besser"). Die Kommentar-Debatten unterhalb von Blog-Artikeln gehören zu den bekanntesten.

  • Die Kosten der Organisation von Interessensgruppen sinkt rapide. Statt langfristigen Vereinsgründungen reichen heute oft Website, Mailingliste und Facebook Gruppe als Start. Die langfristige Durchsetzung der Interessen in ein zweites Thema. Es zeigt sich jedoch, dass sich als von der Gemeinschaft als relevant betrachtete Gruppen sich etablieren können (z.B. AK Vorrat). 

FOLGEN:

Wie bei jedem Fortschritt der Informationstechologie in der Vergangenheit, ist auch hier eine Veränderung in der Gesellschaft und bei der Erwartungshaltung der Menschen wahrscheinlich.

Dem Bürger liegen heute (bei Interesse) genauso viel Informationen vor, wie jedem einzelnen Bundestagsabgeordneten. Bürger können Expertengruppen gründen oder sich unabhängig von den Massenmedien bei diesen informieren. Durch den Long Tail Effekt reicht es bereits, wenn eine ganz kleine Gruppe an Personen ein Fehler in einer wichtigen politischen Entscheidung auffällt, um große Massen an Bürgern binnen Tagen, Wochen, aber spätestens Monaten zu mobilisieren (Zensursula als Beispiel). Dies war in der Vergangenheit auch möglich, dauerte jedoch viel länger.

All diese Effekte des Internets treffen auf ein Mehrheitsentscheidungssystem (repräsentative Demokratie), welches in seinen Grundzügen im frühen 19. Jahrhundert erdacht und in der Mitte des 20. Jahrhunderts konkretisiert wurde. Damals ging man von völlig anderen Grundlagen der Informationsverbreitung und entsprechend anderen Bedürfnissen der Mitgestaltung der Bevölkerung aus.

In Perioden von vier Jahren können die Bürger "eine" Partei wählen, um die grundsätzliche Richtung zu beeinflussen. Dem Bürger war die Rolle als "Parteimitglied" zugedacht. Die Parteien selbst, nicht die Bürger, sollten ihre Personal-Eliten auswählen.

Die Expertise traute man nur Experten zu. Dies waren die Beamten in den Ministerien, die Berufspolitiker im Bundestag und ausgewählte Fachleute, die man hinter verschlossenen Türen in den Ausschüssen des Bundestages anhörte.NGOs tauchten - wenn man so will - nur im Form der "Vereinsfreiheit" im Grundgesetz auf. Eine gestaltende - oder gar den Parteien vergleichbare - Rolle wurden ihnen nicht zugeschrieben.

All dies ist aus damaliger Sicht verständlich: Eine breite Beteiligung der über die "komplizierten Details" uninformierten Bevölkerung hielt war weder praktikabel noch denkbar. Im Gegenteil: Nicht einmal einfachste direktdemokratische Elemente enthielt das neue Grundgesetz. Man scheute damals der "Wisdom of the Crowd", glaubte man doch das Volk allein hätte Hitler in freien Wahlen an die Macht gebracht und in Volksabstimmungen zugestimmt. Tatsächlich ist die Geschichtsschreibung des Jahres 2011 etwas präziser. Wir wissen heute, dass viele Faktoren für die Machtübernahme verantwortlich waren und die Medien (die "IT" sozusagen) zur Zeit der manipulativen Volksabstimmungen längst nicht mehr "frei" waren.

Ein "Update" der bundesrepublikanischen Verfassung sei laut Heiner Geisler, Vermittler zwischen dem alten System und dem neu erwachtem Bürgertum, dringend nötig. Ob Liquid Democracy ein solches "Systemupdate" darstellen könnte, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

Irgendeine Form des Anpassung an die neue Zeit scheint mir unumgänglich, will die Bundesrepublik sich aus ihrer politischen Krise befreien.

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