Freitag, 6. Mai 2011

Vorschlag für ein besseres, einfacheres und schnelleres Wahlverfahren des Bundesvorstands der Piratenpartei in Heidenheim

Im Folgenden möchte ich den Piraten ein neues System für die Wahl des Bundesvorstands auf dem Bundesparteitag vorschlagen.


Was ist das Problem?

  • Taktisches Wählen: Nämen wir mal an (!), ich wäre für "Dietmar Moews" als Bundesvorsitzender. Würde ich ihm wirklich meine Stimme geben? Seine Chance überhaupt in die Stichwahl zu kommen, sind sehr gering. Also wähle ich aus taktischen Gründen vielleicht doch (z.B.!) Christopher Lauer, den ich jedoch nicht als den besten Mann erachten würde (reines Beispiel hier!). Aber das jetzige Wahlsystem zwingt mich zu solch taktischem Wählen. Man wählt oft nicht "den besten Mann (Frau)" sondern den "weniger" Schlimmen, bei dem man glaubt, dass er (sie) überhaupt eine Aussicht auf Erfolg hat.
  • Lange Dauer des Wahlverfahrens: Beim letzten Parteitag zogen sich die Wahlen über zwei Tage hin. Oft waren zeitaufreibende Stichwahlen notwendig. Während eine Auszählung muss meist gewartet werden, da die Zählenden selbst Wahlberechtigte sind.
  • Viele Kandidaten: Je mehr Kandidaten es gibt, desto wahrscheinlicher ist eine Stichwahl. Allein beim Vorsitzenden bewerben sich bisher 9 Piraten, beim Stellvertreter 5, und bei den Beisitzern 9! 

Wie funktioniert mein Vorschlag? 

Die Magie dieser Methode liegt vor der Wahl: Jeder Kandidat gibt vor der Wahl an, an wen (kann einer oder mehrere Personen sein) er scheine Stimme delegiert, falls er nicht gewählt wird

Diese (Offline-) Delegationen werden vor der Wahl für jedermann zusammen mit der Kandidatur veröffentlicht. Im Saal ist dies auch über Beamer und / oder Aushänge möglich. Die Informationen, wer wem seine Stimmen delegieren würde, passt auf einen DIN A4 Zettel. 

Wie wird der Sieger ermittelt? 

Vorsitzender / Stellv. / GenSek: Hat ein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen, ist er (bis bisher) der Wahlsieger. Gibt es nicht sofort einen Wahlsieger werden zunächst alle Kandidaten in die Reihenfolge ihrer Stimmen  gebracht (rechts). Der Kandidat mit den wenigsten Stimmen zuerst gestrichen. Seine Stimmen werden entsprechend der vom Kandidaten vorher festgelegten Delegationen auf den oder die anderen Kandidaten verteilt. Gibt es erneut keinen Wahlsieger, wird erneut der Kandidat mit den wenigsten Stimmen gestrichen und die Stimmen erneut entsprechend der Delegationen verteilt. Dieser Prozess wird so lange fortgesetzt, bis ein Kandidat auf 50 Prozent der Stimmen kommt. Dies ist immer spätestens dann der Fall, wenn nur noch zwei Kandidaten übrig sind ;)

Beispiel Beisitzer: Das Verfahren lässt sich auch bei den Wahlen der 3 - 5 Beisitzern (je nachdem was der Parteitag beschließt) wiederholen. Nur sind dabei die Quoren nicht 50 Prozent sondern deutlich niedriger.

Das schöne an dem Verfahren ist, dass bei dieser Methode, zunächst oben begonnen wird: Diejenigen, die über das Quorum springen (sofern vorhanden!), verteilen ihre "überschüssigen" Stimmen nach unten. Sollte also ein Beisitzer 70 % aller Stimmen auf sich vereinen (sehr unwahrscheinlich, aber hier nur als Beispiel), werden alle Stimmen, die oberhalb des notwendigen Quorums liegen, entsprechend nach seinen Delegationen nach "unten" verteilt.

Gibt es keinen (oder keinen mehr) der oberhalb des Quorums liegt, wird wieder (bei im Wahlverfahren beim Vorsitzenden) "unten" gestrichen, ebenfalls solange bis alle Beisitzerplätze im Vorstand vergeben sind.

Was wären die Vorteile des Vorschlags?
  • Einfaches Wählen: Jeder Pirat wählt, wie bisher, einen Kandidaten, nämlich seinen _echten_ Favoriten. 
  • Einfaches Auszählen: Auch die Auszählung der Wahlzettel ist so einfach wie bisher! Es wird einfach nur ausgezählt, wer hat wie viel Stimmen bekommen. Fertig. 
  • Schnell: Bei dieser Wahlmethode ist immer nur ein Wahlgang nötig. Stichwahlen gibt es nicht. Und auch die Reihenfolge - zum Beispiel wenn es viele Beisitzer gibt - wird in einem Wahlgang eindeutig festgelegt.  
  • Repräsentativere Ergebnisse: Keine Stimme kann verfallen. Jede Stimme zählt! 
  • Fairer: Mehrere Kandidaten, z.B. aus dem rechten oder linken Flügel der Piratenpartei, stehlen sich nicht mehr gegenseitig die Stimmen. Jeder Parteiflügel wird entsprechend gerechter repräsentiert. Vorher abgemachte Deals oder "faule Kompromisse" sind nicht mehr nötig.   
  • Reduziert taktisches Verhalten: Da keine Stimme verfällt, kann ich gefahrlos tatsächlich denjenigen wählen, den ich gut finde. Ich muss nicht denjenigen wählen, bei dem ich glaube, dass er als einzige eine Chance hat. 
  • Transparent: Die politischen Beziehungen zwischen den Kandidaten werden deutlicher.
  • Sicher: Da keine komplizierten "Präferenzen" vergeben werden und keine komplexe Software oder Mathematik im Spiel ist, die nur wenige verstehen, sind Fehler kaum möglich.
  • Mehr Harmonie unter den Kandidaten: Da die Kandidaten untereinander abhängig sind, lässt sich manches Wahlkampfmanöver unter der Gürtellinie vermeiden. Insgesamt wird das "gemeinsame" und "kooperative" betont. Gleichzeitig muss kein Kandidat auf seinen (vermeindlichen) "Konkurenten" delegieren. 
  • Die Wahlchancen der "Underdogs" steigen: Gerade für Nicht-So-Populäre Kandidaten ist dieses Wahlverfahren eine Chance, da die Wähler nicht mehr so sehr unter Druck stehen, die obersten Kandidaten zu wählen. Sie wissen: Ihre Stimmen kommen in jedem Fall an!
  • Jede Stimme & jeder Kandidat zählt:  Auch die kleinsten Kandidaten haben (wenn auch nur einen kleinen) Einfluss. Denn sie geben ihre Stimmen durch ihre festgelegten Delegationen weiter.
  • Beste Auswahl für den Wähler: Der Wähler kann nur freier seinen Kandidaten wählen. Durch die Delegationen kann er auch sehen, wie die Kandidaten zueinander stehen. 
Brauch man einen Wahlcomputer?
    Nein. Das Ergebnis kann in der Regel in 3 Minuten mit einem Blatt Papier und einem Bleistift berechnet werden. Da die (ursprünglichen) Wahlergebnisse und die Delegationen der Kandidaten offen bekannt sind, kann auch jeder die Ergebnisse selbst ganz schnell überprüfen. 

    Aber ja: Eine kleine Software, in die man bereits vorher sämtliche Delegationen eingetragen hat, reduziert die Ermittlung der Gewinner von 3 Minuten auf wenige Sekunden. Da das ganze auch sehr unterkomplex zu berechnen ist, lässt sich die Software wahrscheinlich in 300 Zeilen Code abbilden. Sollte sie verwendet werden, muss sie natürlich Open Source sein und jedem zugänglich sein.  

    Wie kommst Du auf die Idee? 

    Das Konzept hat anno 2002 Bryan Ford, damals Informatikstudent am MIT entwickelt. Hier kann man es ausführlich nachlesen. Ford hatte es übrigens als Wahlsystem für Gesamt-Amerika konzipiert, nicht nur für die Wahl eines Vorstands auf einem Parteitag... Heute ist er übrigens Assistant Professor an der Yale University, und dort Leiter der "Decentralized and Distributed Systems (DeDiS) group". Seine seit 2002 identisch aussehende Homepage (Vorsicht - Frontpage-Design *g*) findet ihr hier.  

    Ich bin darauf gestoßen, als ich die Geschichte von Liquid Democracy recherchiert habe. Bryan Ford hat nie von "Liquid Democracy", sondern immer nur über "Delegative Democracy" geschrieben. Der Hauptunterschied ist also, dass Bryan Ford stets an Modelle geforscht hat, die auch ohne Computer und Internet auskommen. Aus seinen Überlegungen heraus ist aber später bei anderen wohl die "Liquid Democracy" entstanden. Sehr spannend ;)

    Und nun? 
    Ich möchte erst mal wissen, wie die Partei allgemein auf den Vorschlag reagiert. Wenn alle jetzt aufschreihen weil in meinem Vorschlag das Wort "Delegation" auftaucht, kann man die Idee eh vergessen. Falls es auf positives Feedback trifft, werde ich zum Bundesparteitag einen entsprechenden Geschäftsordnungsantrag stellen. 

    Freue mich auf Euer Feedback.


    P.S. / Hinweis:

    >> Mein Vorschlag erinnert nur entfernt an Instant-Ran-Off-Verfahren oder Approval-Voting. Diese System haben aber beide diverse negative Neben-Effekte, die das hier vorgeschlagene Delegated Voting, nicht mitbringt. Die genauen Unterschiede, siehe auch mein Kommentar unten. 

    Kommentare:

    1. Keine gute Idee. Außerdem gehst du von einer falschen Ausgangslage aus: Es wird dieses Mal wohl wieder wie in Bingen auf Approval Voting gesetzt. Die am Anfang deines Aufsatz geschilderten Probleme treten also nicht auf.

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    2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    3. Der Beitrag geht davon aus, dass man nur eine Stimme hat, und kein Kandidat im ersten Anlauf die 50% schafft? Da muss ich leider widersprechen, in Bingen und vermutlich auch in Heidenheim wird Akzeptanzwahl benutzt:

      http://wiki.piratenpartei.de/Bundesparteitag_2011.1/Geschäftsordnung#.C2.A7_5_Grundlegende_Regeln_für_Wahlen_und_Abstimmungen
      § 7 Wahlen

      (2) Kandidieren mehrere Bewerber, so findet eine Akzeptanzwahl statt

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    4. Vorweg: Ich nicht in der Piratenpartei und kain Politkwissenschaftler.

      Denkanstösse:
      Wird das System nicht komplizierter?
      Ich möchte Kandidat A wählen.
      Er delegiert seine Stimmen auf Kandidat B.
      Diesen möchte ich aber auf keinen Fall unterstützen.
      Kandidat C ist nicht mein Favorit, aber OK.
      Er delegiert seine Stimmen auf Kandidat D, der auch "nur" OK ist.
      Daher würde ich doch die "Kette" C -> D wählen.
      Wird es durch die Verlängerung der "Ketten" nicht noch komplexer und undurchschaubarer?

      Was passiert, wenn Stimmen auf einen bereits gestrichenen Kandidaten delegiert werden?
      Erhält dann derjenige Kandidat, auf den dieser seine Stimmen delegiert hat, auch diese Stimmen?

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    5. Approval Voting hat aber zahlreiche Nachteile:

      - Es gibt weiterhin die (ziemlich große) Gefahr, dass Kandidaten nicht auf 50 % der Stimmen kommen und deshalb Stichwahlen nötig sind.

      - Es gibt weiterhin stark ausgeprägtes strategisches Wählen

      - Auch im Approval Voting zählen nicht alle Stimmen. Kleine Kandidaten fallen unter den Tisch

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    6. Hey Andi,

      bitte lesen. Instant-Runoff-Voting ist etwas komplett anderes und kommt ohne Delegationen aus!

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    7. @Anonym2: Wenn 50 % sich sofort auf einen Kandidaten vereinen, gibt es kein Problem. Dann ist der sofort gewählt. Das Verfahren greift erst, wenn kein Kanidaten mehr als 50 % der Stimmen erreicht.

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    8. @srevilo

      "Ich möchte Kandidat A wählen.
      Er delegiert seine Stimmen auf Kandidat B.
      Diesen möchte ich aber auf keinen Fall unterstützen."

      << So ist das nun mal in der Demokratie. Wenn das so schlimm für Dich ist, solltest Du Kandidat A gar nicht erst wählen, oder damit leben, dass er eben zusammen mit Kanidat B arbeiten will. Man sollte ja auch nicht Leute in den Vorstand wählen, die gar nicht miteinander arbeiten können!

      "Daher würde ich doch die "Kette" C -> D wählen. Wird es durch die Verlängerung der "Ketten" nicht noch komplexer und undurchschaubarer?"

      << Nein - für den Wähler zählt ja wem er primär wählt und ggf. noch zu wem er delegiert. Wenn Du willst, kannst Du dir alle möglichen Ketten angucken. Aber das ist - wie bei Twitter oder wie im Liquid Feedback - eben ein Netzwerk des Vertrauens. Die Kandidaten werden ihre Stimmen ja nur denen geben, denen sie vertrauen.

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    9. >> Relationship to Instant Runoff Voting <<

      Those familiar with electoral systems will immediately notice that this system is similar to Instant Runoff Voting (IRV) in the way the winner is determined. Both alternative systems involve the successive elimination of candidates and the automatic transfer of the eliminated candidate's votes.

      In IRV, however, voters explicitly rank the candidates in order on their ballots, and the ballots of eliminated candidates are transferred according to the voters' rankings. Delegative voting in contrast gives this power to the candidates themselves, effectively making their political alignments a fixed part of their public "platform".

      Although DV may seem to give voters less "choice" than IRV if the number of candidates is assumed to be fixed, DV nevertheless has several important advantages over IRV:

      - Simplicity: DV makes the ordinary voter's task simpler, easier to understand, and more familiar to voters accustomed to majority/plurality elections. Experience with IRV and other preferential systems demonstrates that a large percentage of voters in a preferential election either do not mark any second or higher choices at all, or simply follow their party's or first-choice candidate's recommendations anyway when marking their second and successive choices. Therefore most voters are unlikely to miss the preferential-ranking flexibility of IRV.

      - Better next-choice decisions: Candidates are often inherently in a better position than voters to make next-choice decisions anyway, because candidates are activists who have to know about and pay close attention to each other in order to campaign and compete effectively, whereas voters usually just pay attention to the one or two candidates they know best and agree with most, showing little knowledge or preference among their less-desirable choices. DV allows voters to focus their attention on their most important decision - picking the candidate who best represents themselves and their interests - without being distracted with ambiguous choices between candidates they don't like or simply don't know about.

      - Transparency: The inter-party relationships and coalitions that IRV encourages are made fully explicit, publicly transparent, and directly measurable in DV. Since smaller candidates directly control the transfer of their votes, mainstream candidates have a strong incentive to court the smaller candidates for inclusion on their next-choice lists and take account of the minority viewpoints they represent.

      - Cost: On the practical side, shifting responsibility for the next-choice lists from the voters to the candidates eliminates the need for expensive voting equipment upgrades or re-training of electoral administration staff to deal with the intricacies of preferential ballot counting.

      - Speed: The vote counting process itself can proceed much more quickly in DV, because ballots are only counted once rather than multiple times. The runoff elimination process to determine the actual winner only requires the raw totals from the vote count and the previously published next-choice lists of the candidates.

      - Security: The simpler vote counting process is less prone to tampering, making DV particularly attractive in unstable or corrupt democracies where the multiple preferential ballot re-shuffling steps involved in IRV elections may be seen as too difficult to implement and monitor effectively. The runoff elimination process in DV is fully independently verifiable because it only requires information that is already public anyway; therefore DV is no less secure than plurality voting.

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    10. "Repräsentativere Ergebnisse: Keine Stimme kann verfallen. Jede Stimme zählt!"

      Bist Du Dir sicher? Kann es nicht passieren, dass zwei oder mehr Kandidaten sich gegenseitig im Kreis "delegieren" und die *alle* irgendwann rausfliegen, womit die Stimmen dann doch verfallen?

      "Mein Vorschlag hat GAR NIX mit Instant-Ran-Off-Verfahren [...] zu tun!"

      Der von Dir zitierte Bryan Ford schreibt: "Those familiar with electoral systems will immediately notice that this system is similar to Instant Runoff Voting (IRV) in the way the winner is determined."

      Also "GAR NIX" schaut mir anders aus.

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    11. Noch ein Denkanstoss:
      Warum vor der Wahl festlegen?
      Die Stimmen werden ausgezählt.
      Wenn Kandidaten gestrichen werden müssen, wird nur der erste zu streichende Kandidat bekannt gegeben. Dieser delegiert erst in diesem Moment seine Stimmen.

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    12. @Benjamin

      Ok - ich hab die Formulierung geändert. Aber wichtiger Unterschied ist:

      Bei Instant-Ran-Off und co legen immer die Wähler die Präferenzen fest (mit all seinen Problemen bei der Auszählung und der damit verbundenen Taktik). Bei Delegated Voting legt der Kandidat seine Delegationen fest.

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    13. @srevilo:

      Die Festlegung vor der Wahl ist wichtig, damit

      a) Die Wähler sollen genau wissen, worauf sie sich einlassen und dies ja auch in ihre Überlegung mit einbeziehen.

      b) Nach der Wahl nicht das große Feilschen beginnt, indem die kleinen Kandidaten dann irgendwelche Kompromisse erzwingen können.

      Gruß, Seb

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    14. Die in der Einleitung genannten Probleme (Stichwahl) kommen bei Approval Voting eben nicht vor. Und da ich bei AP mehrere Stimmen habe, bei deinem Vorschlag aber nur eine, ziehe ich die Regelung von Bingen weiterhin vor.

      Gruß, Michael Kiai

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    15. Bei der Möglichkeit, nur einen Kandidaten zu wählen (dein Vorschlag), kann durch die Wahlarithmetik der am meisten polarisierende Kandidat gewinnen, während bei der Wahl durch Zustimmung (approval voting) eher der beliebteste Kandidat gewinnt.

      Und deswegen plädiere ich ganz klar für approval voting.

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    16. @Michael

      Naja - auf den ersten Blick sieht natürlich Approval besser aus, weil man mehrere Stimmen hat. Du kannst aber auch das Problem haben, dass keiner Deiner Leute "rein kommt".

      Bei Delegated Voting kommt Deine Stimme hingegen "immer" an. Entweder direkt oder eben über die Delegation des Kandidaten.

      Und welchen Kandidaten Du auswählst, bleibt ja Dir überlassen.

      Aber es ist nur eine Idee. Ich hab nur wirklich Angst vor zahlreichen zeitintensiven Stichwahlen...

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    17. @Michael:

      Ich glaube, dass ich sowohl bei Delegated als auch bei Approval Voting die Möglichkeit habe, den Kandidaten zu wählen, der mir am besten gefällt.

      Delegated Voting ermöglicht es ja GERADE die kleinen (sonst chancenlosen!) Kandidaten eine Stimme zu geben, da sie notfalls ihre Stimme weitergeben.

      Approval führt hingegen oft zu taktischem Wählen. Viele geben dann eben doch nicht "mehreren" Kandidaten ihre Stimme, was dann oft dazu führt, dass Stichwahlen zwingend notwendig werden.

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    18. So mein Fazit nach der kurzen aber intensiven Debatte:

      --

      Tja ich seh schon. Wir Piraten wollen lieber einen Vorstand wählen, der "uns Wählern" gefällt.

      Ob die Gewählten dann später miteinander auskommen, scheint uns weniger wichtig zu sein

      Aber gut. Wahrscheinlich gibt es einfach immer das Gefühl, dass wenn Stimmen durch Dritte (also nicht von mir beeinflussbar) weiter gegeben werden, dann wird mir was "weggenommen". Dass ich im Vorhinein weiß, wer auf wen delegiert und das in meine Überlegungen mit einbinden kann, scheint diese Angst nicht zu reduzieren.

      Mir wird langsam klar, dass diese "Angst" vor Delegationen wahrscheinlich die eigentliche "Angst" vor Liquid Democracy ist.

      Ich persönlich finde das sehr irrational, da ich glaube, dass wir immer anderen Menschen vertrauen müssen. Wenn die Delegation vorher feststeht, kann ich bewußte Entscheidungen treffen.

      Aber offenbar sind wir bei den Piraten nicht bereit "Macht" in irgend einer Form abzugeben. Wir wollen "alles" selber entscheiden.

      Wird wahrscheinlich noch viele Jahre brauchen, bis wir lernen das das nicht geht. Vielleicht sind wir dann auch bereit für eine Liquid Democracy ... :))

      (P.S.: Das ganze erinnert mich auch an die Debatte "Ich bin gegen Atomkraft, aber baut das Windkraft nicht in meine Nähe...")

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    19. Ich stimme zu: Wir wählen so, wie wir wollen, nicht so wie es der Vorstand möchte. ;-)

      Wie dein Wahlsystem, das evtl. einen anderen Vorsitzenden als das approval voring ergibt dazu führt, dass nachher die Harmonie zwischen verschiedenen Kandidaten passt, ist mir jedoch schleierhaft. (ein völlig neues Argument in der Diskussion, oder?) Die Entscheidung, wer reinkommt, treffen doch diejenigen, die NICHT gewählt wurden und delegiert haben, nicht die die drin sind?

      Und deine Annahme zu AP wurde bereits in Bingen widerlegt: Es gab keine Stichwahlen. Seipenbusch wurde im ersten Wahlgang gewählt.

      Und dass ich auf meine höhere Einflussmöglichkeit bei AP zugunsten deines Systems verzichten soll, weil vielleicht einige bei AP eine falsche Taktik anwenden, darauf lasse ich mich nicht ein.

      Ich habe nix gegen Delegationen, und eine schnellere Wahl ist auch vorteilhaft.

      Ich habe aber ein Problem mit polarisierenden Kandidaten. Beispiel Frankreich 2002, ein linker, ein rechter, ein moderater Kandidat. Der moderate flog in der ersten Runde raus, LePen gewann die Stichwahl. Wäre der moderate mit approval voting in die zweite Runde gekommen, hätte er vermutlich gewonnen! Bei deinem System müsste der moderate seine Stimme delegieren, aber wohin, wenn er alle anderen für unfähig hält?

      Sorry, aber mit einem Wahlsystem, das noch nie getestet wurde, zu dem ich keinen Wikipedia-Eintrag finde, welche Taktiken es gibt, welche Kriterien es erfüllt, möchte ich auf Bundesebene keine Experimente machen.

      Auf den ersten Blick klingt dein Vorschlag auch gut. Aber die Zeit bis zum BPT reicht mir nicht, den Vorschlag gründlich zu durchdenken.

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    20. @Michael:

      Stimme Dir vollkommen zu. Man sollte es testen ;) Aber irgendwo muss man immer anfangen.

      Ich glaube dass es gerade nicht provokative Köpfe fördert. Denn es ist ja in der Hand der Kandidaten auf wen sie delegieren...

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    21. Hallo nochmal.

      Also, ich habe hier ein Beispiel, das zwei seltsame Effekte Deines Systems zeigt. Erst einmal der Delegationsgraph: Wir haben drei polarisierende Kandidaten A, B und C und drei "kleine" Kandidaten D, E und F. D delegiert auf C, E und F. E delegiert auf B und F. F delegiert auf A und E.

      Variante I: Die initiale Prozentverteilung ist:
      A 26; B 25; C 24; D 10; E 8; F 7
      F wird gestrichen und es kommen 3,5 Prozent zu A und 3,5 Prozent zu E:
      A 29,5; B 25; C 24; E 11,5; D 10
      D wird gestrichen und es kommen 5 Prozent zu C und 5 Prozent zu E (F ist schon gestrichen):
      A 29,5; C 29; B 25; E 16,5
      E wird gestrichen und es kommen 16,5 Prozent zu B (F ist schon gestrichen):
      B 41,5; A 29,5; C 29

      Hier endet die Verteilung, da A, B und C keine Delegierten ausgewählt haben. (Sie würde auch enden, wenn sie F, E und D ausgewählt hätten, da diese vorher schon eliminiert wurden.) Es kommt also nicht unbedingt ein Kandidat über 50 %.

      Variante II: Ein Prozent wechselt von E zu F:
      A 26; B 25; C 24; D 10; F 8; E 7
      E wird gestrichen und es kommen 3,5 Prozent zu B und 3,5 Prozent zu F:
      B 28,5; A 26; C 24; F 11,5; D 10
      D wird gestrichen und es kommen 5 Prozent zu C und 5 Prozent zu F (E ist schon gestrichen):
      C 29; B 28,5; A 26; F 16,5
      F wird gestrichen und es kommen 16,5 Prozent zu A (E ist schon gestrichen):
      A 42,5; C 29; B 28,5

      Der Wechsel von nur einem Prozent der Stimmen hat also eine Wanderung von 13 Prozent im Ergebnis und eine Änderung des Siegers ergeben.

      Derartige Instabilitäten sind bei IRV meines Wissens nicht möglich und lassen das System zumindest verdächtig erscheinen.

      Grüße
      Benjamin

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    22. Hi Benjamin,

      danke für die Anregungen!

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    23. Und nochmal hallo.

      Man kann diese Instabilität, denke ich, beheben, wenn man auch schon eliminierte Knoten im Delegationsgraphen berücksichtigt.

      Ford wollte dies definitiv nicht: "The votes received by the eliminated candidate are divided evenly among all of the candidates on his next-choice list that have not already been eliminated." ist ziemlich eindeutig.

      Wenn man's trotzdem macht, würde also beispielsweise bei der Eliminierung von D in den beiden obigen Fällen nicht auf C und E bzw. F zu je 1/2 verteilt, sondern zunächst auf C, E und F zu je 1/3. Da E bzw. F schon eliminiert waren, wird das jeweilige Drittel weiter verteilt auf 1/6 B bzw. A und 1/6 F bzw. E. Gibt insgesamt 1/3 C, 1/2 F bzw. E und 1/6 B bzw. A, wenn E bzw. F schon eliminiert sind.

      Nochmal komplexer wird das, wenn man einen Zirkel von bereits eliminierten Knoten hat. Wenn E und F beide schon eliminiert sind ergibt sich eine geometrische Reihe, die dazu führt, dass die Prozente im Verhältnis 2/3 zu 1/3 zwischen A und B bzw. B und A aufgeteilt werden, wenn sie bei F bzw. E ankommen.

      Das ist alles nicht mehr so schön einfach und übersichtlich, aber dafür führt dann die einprozentige Verschiebung von E zu F im Beispiel nur noch zu einem Drittel Prozent Verschiebung von B zu A, was eher dem Delegationsgraphen entspricht.

      Ich halte es auch insgesamt für stimmiger, die Verteilung so weit wie möglich durchzuziehen statt abzubrechen, wenn (mehr oder weniger zufällig) ein schon eliminierter Knoten auf dem Weg liegt. (Dieses quasi-zufällige – durch kleine Änderungen beeinflussbare – Schon-Eliminiert-Sein ist ja die Ursache für die große Instabilität im Beispiel.)

      Grüße
      Benjamin

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    24. Ahoi,

      Eigentlich könnte ich darauf verweisen dass dein System nicht mit dem Parteiengesetz vereinbar ist und somit die Diskussion eh hinfällig ist, aber ich möchte dennoch einige inhaltliche Anmerkungen machen.

      Erstens: Deine Kritikpunkte treffen nicht oder nur beschränkt zu:
      - Das taktische Wählen wird durch Approval Voting ausgehebelt; dabei entstehen natürlich komplexere taktische Wahlüberlegungen, das trifft aber auf dein System noch viel mehr zu.
      - Die lange Dauer der Wahlen war vor allem den ausufernden Frage-/Grillrunden geschuldet, nicht der Auszählung.
      - Die Wahrscheinlichkeit von Stichwahlen steigt zwar mit der Anzahl von Kandidaten, auch das lässt sich durch Approval Voting aber nivellieren. Und Stichwahlen sind auch nicht per se "schlecht".

      Zweitens: Wie auch in dem zitierten Kommentar von DV beschrieben, ist das System eigentlich ein Instant Runoff, bei dem die Präferenzfestlegung von den Kandidaten und nicht von den Wählern getroffen wird. Besonders spannend finde ich dabei das Argument "better next-choice decisions" - es besagt letztendlich, dass die Kandidaten doch eh besser als das Stimmvieh, äh, Wähler wüssten, wer denn am ehesten für die Nachfolge geeignet wäre. Na toll, dann können wir es gleich bei den Anderen abschauen und den nächsten Vortand vor dem Parteitag ausklüngeln, den die Anwesenden nur noch abnicken müssen. Und _das_ willst du als "demokratisch" verkaufen?

      Grüße,
      Boris

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